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Stirbt Braille aus?

. 4 minuten gelesen

Als Reaktion auf meinen letzten Blogbeitrag bekam ich heute auf Twitter die Frage gestellt, ob Braille ausstirbt. Meine kurze Antwort: Ich hoffe doch inständig, nein!

Die Frage

Die Frage stellte mir Moritz Gießmann auf Twitter:

Dazu mal ne allgemeine Gucki-Frage: glaubst du Braille stirbt langsam aus, im Zeitalter von Sprachausgabe- und erkennung? Ersetzt das eine überhaupt das andere?

Die Frage allein löste einen Sturm von Gedanken in mir aus, der definitiv nicht in ein oder zweimal 280 Zeichen passt.

Lesen bildet

Das ist nicht nur eine Volksweisheit, sondern stimmt tatsächlich. Ich halte Braille für Geburtsblinde für unersetzlich im Erwerb einer grundlegenden Bildung. Genauso wie für sehende Kinder das Lesen und Schreiben unersetzlich ist zum Vermitteln von Wissen, Sprache und Kommunikationsmöglichkeiten abseits des Sprechens und der Gestik und Mimik, gilt das auch für blinde Kinder.

Lesen und Schreiben ist Spracherfahrung. Nach dem Sprechen ist dies die wichtigste Form der Sprachwahrnehmung und Ausdrucksweise. Das geschriebene Wort hilft, Ordnung in chaotische Gedanken zu bringen, Gedanken verständlich zu formulieren und mitzuteilen. Das Lesen ist eine Form der Wahrnehmung der Gedanken anderer, die ganz anders funktioniert als gesprochene Sprache, weil man sie in seinem eigenen Rhythmus aufnehmen und durch mehrmaliges Lesen immer wiederholen kann.

Lesen und Schreiben sind unerlässlich beim Erlernen der eigenen Sprache und von Fremdsprachen. Nur durch das Lesen und Schreiben kann man ein Verständnis dafür entwickeln, wie Sprache strukturiert ist, wie alles miteinander zusammen hängt und wie wir auch unsere gesprochene Sprache im Lauf des jungen Lebens verfestigen, so dass wir uns später verständlich und „gebildet“ ausdrücken können.

Sprachausgaben ersetzen nicht das Lernen von Lesen und Schreiben

Eine synthetische Sprachausgabe, wie wir sie heute in fast jedem Computer und Smartphone vorfinden, ist völlig ungeeignet, das Lesen und Schreiben zu erlernen. Das kann man sich ungefähr so vorstellen, wie wenn man das Lesen und Schreiben nur durch das Hören eines anderen Menschen erlernt. Man weiß zwar, welche Buchstaben es gibt, kann sie aber nur anhand des gesprochenen Wortes eines anderen Menschen in eine Form bringen, die zusammengesetzt wieder ungefähr denselben Klang ergibt.

Wir sehen dies bei vielen jüngeren Blinden aus Ländern, in denen Braille nicht sehr verbreitet ist oder die Finanzierung von Hilfsmitteln zum Lesen und Schreiben von Braille nicht vom Staat übernommen wird. Es gibt viele Blinde, die Anhand von Screen-Reader-Sprachausgaben „gelernt“ haben, wie man schreibt. Das Resultat ist oft, dass das, was der Screen Reader dann wieder vorliest, zwar klanglich irgendwie hin kommt, orthografisch aber nichts mit dem zu tun hat, was gemeint ist. Versucht man diese Texte zu lesen, bekommt man schnell den Eindruck, es mit einem völlig ungebildeten Menschen oder jemandem mit einer massiven Lese-/Rechtschreibschwäche zu tun zu haben. Ich bin schon am Lesen von Texten gescheitert, weil die Rechtschreibung so schlecht war, dass ich nicht entziffern konnte, was gemeint war.

Solche Menschen haben von der Schule an nur mit Screen Readern mit Sprachausgabe, aber ohne Brailleausgabe, gearbeitet. Sie haben mit dieser nicht vorhandenen Kenntnis von Rechtschreibung und Zeichensetzung kaum jemals Chancen, einen ordentlichen Job zu kriegen oder gar zu studieren. Denn je mehr man liest, desto besser wird die Rechtschreibung. Rechtschreibung kommt nicht nur durchs Pauken von Vokabeln bei einem Menschen an, sondern eben vor allem durch das unterbewusste Wahrnehmen beim Lesen. Und das gilt fürs Lesen mit den Fingern genau so wie fürs Lesen mit den Augen.

Bessere Zukunft

Dieses Problem haben zum Glück auch viele Blindenverbände erkannt. Für manche leider zu spät, aber für viele hoffentlich noch rechtzeitig genug. Es gibt inzwischen in vielen Ländern Initiativen, das Wissen und Lehren von Braille wieder verstärkt durchzuführen und auch in Schulen, die nicht speziell für Blinde ausgelegt sind (Stichwort Inklusion), das Lesen und Schreiben durch Braille stärker zu fördern.

Und das muss ja nicht in Form von schränkeweise Büchern passieren, sondern kann genauso gut digital passieren, mit einer ordentlichen Ausstattung mit Braillezeilen und Computern. Und auch in einigen Hilfsmitteln gibt es hierzu Ansätze. JAWS bietet z. B. Einen Braille-Lern-Modus, die Braillenotizgeräte von Help Tech enthalten ein Programm zum Erlernen der Braillenotenschrift, ussw.

Still ein Buch lesen

Und noch etwas ist ganz wichtig. Eine starke Fixierung auf Sprachausgaben be- und überlastet die Ohren. Das merke ich an mir selbst immer wieder. Ich lasse mir in letzter Zeit viele Bücher per Kindle oder iBooks vorlesen, muss mich dabei aber immer auf eine Sprachausgabe konzentrieren, die ständig meine Ohren mit Informationen bombardiert. „Still ein Buch lesen“ ist so nicht.

Das geht aber mit Braille genauso wie mit einem Schmöker in Schwarzschrift (unsere Bezeichnung für normale Druck- und Schreibschrift). Entweder man packt sich ein ordentliches Buch auf den Schoß, oder man nutzt ein mobiles Braillelesegerät, das in dem Moment nichts anderes macht als einem einen Brailletext per elektronischer Blindenschrift zu präsentieren. Kennt noch jemand den Buchwurm von Handy Tech? Das war ein kleines, 8-stelliges Lesegerät, das vom PC aus mit Lesefutter bestückt wurde. Ich habe damit so manchen Flug, lange Zug- oder S-Bahn-Fahrten überstanden, einfach indem ich mich in ein Buch vertieft habe, die Ohren aber nicht durch eine Sprachausgabe belastet wurden.

In den letzten Jahren habe ich das ein bisschen verloren. Der Buchwurm hat irgendwann seinen Geist endgültig aufgegeben, und ich war dann einfach zu bequem, mir ein neues Braillelesegerät anzuschaffen. Oder es gab gerade nichts, was ich attraktiv fand.

Für mich gilt eine ans Smartphone gekoppelte Braillezeile nach längerer Erfahrung nicht als Ersatz. Denn egal ob iOS oder Android: Die Brailleausgabe ist eine Nachrüstung und die Produkte primär auf Sprachausgabe ausgerichtet. Man kann die Sprachausgabe zwar stummschalten, aber man merkt an allen Ecken und Enden, auch beim Lesen, dass Braille hier nur der Mitbewohner ist, kein Hauptmieter. Allein, dass die Kurzschriftübersetzung im Deutschen die Großschreibung nicht unterdrücken kann, macht das Lesen von Literatur unter iOS für mich zur Qual.

Ich merke in letzter Zeit deutlich, dass die Sehnsucht wieder steigt, mich einfach mal mit einem Buch in eine Ecke zu verkrümeln und nicht die Ohren benutzen zu müssen, um es lesen zu können.

Fazit

Nein, Braille stirbt hoffentlich nicht aus, und ich möchte meinen Teil dazu beitragen, dass das nicht passiert. Braille ist immens wichtig, wenn nicht sogar lebenswichtig für heutige und zukünftige Generationen blinder Menschen. Es ist das beste und seit 200 Jahren bewährte System, das wir haben, um schnell, effektiv und möglichst platzsparend an genau die gleichen Informationen zu kommen wie unsere sehenden Familienmitglieder, Freunde und Kollegen. Die digitale Welt bietet mit eBooks und dem Zugang zu allen möglichen Inhalten die besten Chancen dafür. Denn dank Computern mit ordentlicher Übersetzungssoftware sind wir nicht mehr darauf angewiesen, dass ein paar wenige Verlage 1% der am Markt befindlichen Bücher in Blindenschrift übersetzen und dann schränkeweise für teuer Geld zu verkaufen. Wir reden hier teilweise über das 5- bis 10-fache eines Preises eines normal gedruckten Buches.

Es ist heute also viel einfacher, Braille mit dem zu lernen und zu benutzen, was man wirklich selber lesen möchte als noch vor 20, 30 Jahren. Diese Chancen sollten wir nutzen und auch dabei helfen, dass andere dies tun. Sei es durch einfaches Weitergeben der Informationen, das Lehren von Braille, das Einstehen für Braille im Rahmen der eigenen Arbeit z. B. Beim Hilfsmittelhersteller, oder durch ehrenamtliche Tätigkeiten in den diversen Blindenselbsthilfeorganisationen.


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