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Mein Umstieg auf Android Teil 3: Licht, Schatten und Abschied

. 6 minuten gelesen

So, der dritte Teil der kleinen Serie zum Umstieg auf Android hat jetzt etwas länger auf sich warten lassen. Hier aber nun der Abschluss der Serie und warum der Umstieg doch nicht von Dauer war.

Verbesserte Qualität bei Apps

Generell lässt sich sagen, wie das auch schon angeklungen ist, dass sich die allgemeine Qualität der Android-Apps bzw. deren Barrierefreiheit für Blinde in den letzten Jahren verbessert hat. Twitter, Facebook, WhatsApp, Threema, sowie sehr viele Angebote aus den Häusern Google und Microsoft, sowie Helfer wie 1Password oder Reise-Apps wie der DB Navigator sind im Grunde ähnlich gut nutzbar wie unter iOS. Manche, wie der Telegram Messenger, sind unter Android sogar besser zugänglich als unter iOS.

Allerdings gibt es auch deutliche Abstriche, bei Free Now (früher myTaxi) gibt es teilweise Unstimmigkeiten bei der Auswahl des Trinkgelds, und manchmal funktionierte bei mir Ziehen zum zahlen nicht zuverlässig. Auch Google Maps ist, obwohl sehr viele Funktionen funktionieren, gegenüber Apple Karten in einem Punkt im Nachteil: Es gibt für Android keine zugängliche Kartenansicht. Unter iOS gibt es mit der Karten-Komponente eine zugängliche Lösung, bei der man mit dem Finger Straßenverläufen folgen, verschiedene Zoom-Stufen einstellen und auch sonst viele Dinge ertasten kann, fast wie auf einer taktilen Karte. Tut man dies auf einem entsprechend großen Bildschirm wie einem iPhone XS Max oder iPhone 8 Plus oder gar einem Tablet, macht das gleich noch viel mehr Spaß. Und das funktioniert eben nicht nur in Karten, sondern in jeder App, wie z. B. auch Free Now, die die Karten-Komponente importiert. Und die Schnittstellen liegen offen, mit denen man selbst seine eigenen Karten-Ansichten zugänglich machen kann. Wenn Google da also entsprechende Ressourcen investiert, können sie mit Bordmitteln die Maps-App unter iOS zugänglicher machen als unter Android.

Die Schattenseiten: Geteilte Komponenten

Eine der Stärken Androids, nämlich dass sich viele Apps und Systemkomponenten über den Play Store aktualisieren lassen, ist auch gleichzeitig eine große Schwäche. Sie verführt nämlich dazu, Apps oder Komponenten zu veröffentlichen, die geringeren Tests unterzogen werden als dies bei tief integrierten Betriebssystemkomponenten der Fall wäre. Nur so ist zu erklären, dass das Android Web View von etwa Mitte April bis Mitte August so kaputt war, dass man weder in Chrome noch in Apps wie Google News vernünftig lesen konnte. Die Navigation mit TalkBack war lahm, der Sprachausgaben-Focus sprang immer wieder an den Anfang, und Werbebanner brachten das System vollends aus dem Tritt. Und weil Google leider mit seiner Integration von Webbrowsern anderer Hersteller nicht konsequent genug ist, konnte man z. B. auch nicht Firefox als Alternative so sehr einbinden, dass dieser überall genutzt würde.

Auch die Facebook-App ist inder Android-Q-Beta seit Mitte Mai kaputt, unter Pie scheint sie weiterhin zu funktionieren. Aber unter Q kann man im Newsfeed mit TalkBack nicht mehr navigieren. Ich habe den Fehler schon im Juni gemeldet, aber es ist auch nach mehreren Updates nichts passiert. Wenn also mal was kaputt geht, dann so gründlich, dass ganze Apps nicht mehr benutzbar werden können. So krass kenne ich das von iOS nicht.

Schwächen beim Push

Eine Sache, die mich bei Android von Anfang an wirklich genervt hat, ist die Tatsache, dass, wenn man das Handy länger liegen lässt, Pushbenachrichtigungen nicht mehr zuverlässig kommen. Das Handy schläft dann einfach ein und verursacht einen Stau bei den Pushes. Dieser löst sich erst, wenn man das Handy wieder bewegt, sprich in die Hand nimmt und entsperrt. Ich habe so mehrfach Mitteilungen an mich verpasst, die eine schnelle Reaktion erfordert hätten.

Ich habe mit den Einstellungen gekämpft, gedreht, geschraubt, mit Hammer und Meißel was versucht, aber egal wie ich das auch versucht habe einzustellen, es hat nicht funktioniert, dieses Verhalten abzugewöhnen. Und ich weiß inzwischen auch von mindestens einer anderen Person mit einem ganz anderen handy, dass die dasselbe Problem hat und es auch nicht hinbekam.

Der Fluch von Designentscheidungen

Und kommen wir nun zur ganz großen Schwachstelle von Android, und die liegt in der Barrierefreiheit bzw. der Tatsache begründet, dass TalkBack selbst nur mit Ein-Finger-Gesten gesteuert werden kann. Nutzt man zwei Finger, wird die Geste durchgereicht und so gewertet, als würde man sie mit einem Finger ohne laufendes TalkBack ausführen. Das Ziehen nach oben und unten mit zwei Fingern zum Scrollen von Listen ist also nicht sanderes als das Scrollen mit einem Finger von TalkBack simuliert. Da endet aber auch schon die Mehrfingerfähigkeit. So erklären sich auch die Winkelgesten (nach rechts und unten wischen, um die Benachrichtigungen zu öffnen). TalkBack kann z. B. so etwas wie den Rotor bei VoiceOver, das Drehen mit zwei Fingern auf dem Bildschirm, gar nicht ausführen.

Dies führt dazu, dass TalkBack Klimmzüge machen muss, um so Dinge wie das Bearbeiten, benutzerdefinierte Aktionen auf Elementen usw. auszuführen. Man hat die Wahl zwischen zwei menüformen: Entweder das Menü ist eine Liste, also ein richtiger Dialog, oder eine Art überlagerndes Menü, bei dem man durch eine kreisförmige Bewegung eines Fingers auf dem Display an die Menüpunkte herankommt und durch Anheben ausführt. Ich habe irgendwann aufgehört zu zählen, wie oft ich es nicht geschafft habe, genau die Mitte des Displays zu treffen und dann in irgend einer Richtung nicht mehr genug Platz hatte, um den Kreis groß genug auszuführen und schlicht nicht an bestimmte Menüpunkte herankam. Beide Methoden haben den großen Nachteil, dass sie viel zeitintensiver sind als der Rotor von VoiceOver unter iOS. Gerüchteweise soll der Voice Assistant von Samsung das auch besser können als TalkBack. Diesen gibt es aber nur auf Samsung-Handys.

So wird das Editieren, obwohl es inzwischen viel mehr Feedback gibt als früher und auch zuverlässiger funktioniert, unter Android doch zu einer sehr zeitaufwendigen Geschichte. Es klappen halt ständig irgendwelche Menüs auf und zu, wenn man Editierfunktionen aufrufen will. Man kann darüber vielleicht einmal am Tag hinwegsehen, vielleicht auch zweimal. Aber über die Zeit gerechnet, Wochen, Monate, fängt es irgendwann doch sehr an zu nerven.

Diese Fixierung auf einen einzigen Finger führt auch dazu, dass es bei Android keine Brailleeingabe mit laufendem TalkBack gibt. Sämtliche Apps, die die Eingabe von Blindenschrift übers Display ermöglichen, erfordern, dass man TalkBack dafür ausschaltet. Unter iOS ist eine Brailleeingabe in VoiceOver integriert. Wenn sie auch ihre Schwächen hat, aber sie funktioniert zumindest rein technisch. Und meine Finger sind bestimmt nur verknotet. 😉

Auch weitere Schwächen in den sich nur langsam weiterentwickelnden Barrierefreiheitsfunktionen werden immer wieder deutlich. So gibt es bis heute keine Unterstützung wirklich komplexer Editierfelder. Kindle nutzt deshalb eine selbstsprechende Lösung mit eigenen Stimmeneinstellungen, die längst nicht so gut ins Betriebssystem integriert ist wie dies unter iOS der Fall ist, dank der Apple-eigenen Bücher-App. Und auch Apps wie Microsoft Word oder Google Docs offenbaren hier Schwächen, die unter iOS so nicht auftreten, weil dort einfach das Editieren komplexer Texte mit Links, Überschriften usw. zum Umfang dokumentierter Schnittstellen gehört. Googles eigene Apps funktionieren auch hier unter iOS besser als unter ihrem eigenen Betriebssystem. Google baut zwar in jedem Android-Release immer ein bisschen was nach und entwickelt die Konzepte weiter, das sind aber immer nur ganz wenige neue Werte, die von den Accessibility-Klassen unterstützt werden und nicht mal was Bahnbrechendes, das diese Probleme angeht. Auch in Q nicht.

Fazit und Abschied

Der Tenor des Blogbeitrags lässt es vermuten: Rechne ich die Faktoren, die mir während der monatelangen ausschließlichen Benutzung von Android positiv wie negativ aufgefallen sind, gegen die Punkte bei iOS auf, die mich ursprünglich zu meinem dritten Versuch des Umstiegs auf Android bewogen haben, kommt für Android leider nach wie vor ein negatives Ergebnis dabei heraus, und ich verabschiede mich von dem Versuch und reaktiviere mein iPhone X, das ich trotz mehrerer Versuche nie verkauft bekam. Ja, ich nehme in Kauf, wieder mit Face ID zu arbeiten (was anderes wird es bei Apple bald eh nicht mehr geben), und es wird mit Sicherheit auch immer wieder Unstimmigkeiten bei VoiceOver geben, die mich nerven, oder App-Entwickler, die einfach nicht in die Pötte kommen und ihren Apps noch den letzten Feinschliff geben (Telegram, I’m looking at you!), aber insgesamt ist das System deutlich ausgereifter, stabiler und bietet die besseren Zugänglichkeitsmöglichkeiten.

Ich bleibe dem Google- und Microsoft-Ökosystem treu, sprich ich mache meine Mails und Kalender weiter mit Gmail, was sich in iOS ja auch vorzüglich integrieren lässt, und meine Office-Anwendungen, To-Do usw. mit Microsoft und werde so gut wie gar nichts von diesen Dingen aus dem Apple Cloudsystem nutzen, aber iOS bietet mir diese Flexibilität ja. Und ich habe seit heute Morgen, seit ich mein iPhone wieder eingerichtet habe, festgestellt, dass Apple in iOS 12.3 und 12.4 einige der Punkte in VoiceOver behoben hat, die mich zuletzt genervt hatten.

Kann man als blinde Person Android inzwischen nutzen? Ja. Macht es Spaß? Manchen ja, mir aber auf Dauer nicht. Die deutlich ausgereifteren Möglichkeiten in iOS machen das ganze einfach zu einer viel größeren Freude. Beispiel: Hat sich schon mal jemand angeschaut, wie die Stories in der Facebook-App für iOS gelöst sind? Ein echtes Schmankerl!

Und ich freue mich drauf, Seeing AI und den VoiceDream Reader wieder zu benutzen. Denn die gibt es beide nicht für Android. Und Envision AI, das Geld kostet, hat sich in so manchen Dingen als deutlich schwächer bei der Erkennung herausgestellt.

Es gibt noch viel zu tun bei Android, und Google müsste sich trauen, da mal einige Designentscheidungen gründlich zu überdenken oder auch über Bord zu werfen. Das ist aber bei der Vielfalt an Handys und Betriebssystemversionen ein ähnlich schwieriges Unterfangen wie die Rückwärtskompatibilität von Windows bei Microsoft. Des einen Segen ist des anderen Fluch. Apple hat da mit seiner strengen Kontrolle übers eigene Ökosystem ganz klar Vorteile. Microsoft geht auch erste Schritte in diese Richtung und traut sich heute etwas mehr, alte Zöpfe abzuschneiden, bei Google sind diese Schritte noch zaghafter. Und die Barrierefreiheit leidet definitiv darunter.


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