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Test des ElBraille

. 7 minuten gelesen

In den letzten Tagen habe ich die Chance gehabt, das ElBraille der Elita Group einem Test zu unterziehen. Hier ist mein Testbericht.

Was ist das ElBraille?

Das ElBraille ist ein PC. Seine Besonderheit ist, dass es nur mit einer passenden Braillezeile vollständig funktionsfähig wird. Diese Braillezeile ist entweder eine Focus 14 Blue oder eine Focus 40 Blue der 4. Generation von Freedom Scientific. Auf diesem PC läuft Windows 10 Home Edition in der 32-Bit-Variante. Als Screen Reader kommt, passend zur Focus-Zeile, JAWS zum Einsatz.

Die Hardwareausstattung ist eher dürftig: Ein Intel® Atom™ x5-Z8300, Quad-Core, 1.84 GHz-Prozessor, 2 GB RAM, 160 GB Flash-Speicher, der ungünstigerweise in zwei Teile gesplittet ist, nämlich einen fest verbauten 32-GB-Speicher und eine als entfernbar markierte SSD mit 128 GB. Letztere fungiert als Laufwerk D: und enthält standardmäßig den Benutzerordner. Aber Betriebssystem und alle Programme gehen in die geringen 32 GB des C:-Laufwerks.

Die Docking Station verfügt über einen Mini-HDMI-Anschluss, eine USB-3.0-Buchse und einen MicroSIM-Karten-Slot für das eingebaute LTE-Modem. Weiterhin befinden sich eingebaute Stereo-Lautsprecher, ein Mikrofon, ein SD-Karten-Slot für Karten bis zu 256 GB und eine 3,5-mm-Kopfhörerbuchse im Gerät.

Ich bekam zum Testen, passend zu der Focus 14 Blue, die ich seit 2013 besitze, eine Docking Station für die 14er Zeile. Im Gegensatz zur 40er, die fest mit dem Gerät verbunden werden muss, ist die 14er jederzeit abdockbar.

Allgemeines

Das mir von der IPD leihweise zur Verfügung gestellte Gerät kam bereits mit dem neuesten Update von JAWS 2018 vorinstalliert. Alles lief auf deutsch. Die Windows-Version war auf dem Stand des Juli 2016, also eine inzwischen recht alte Windows-10-Version, es gibt seitdem drei neuere größere Updates des Betriebssystems. Installiert waren neben Windows und JAWS auch Firefox, ElNotes (eine App für schriftliche und Sprachnotizen), sowie Miranda NG, ein zugänglicher Instant-Messaging-Client für diverse Protokolle.

Man braucht eine eigene JAWS-Lizenz oder muss sie mit dem Gerät zusammen erwerben, wenn man JAWS nutzen möchte. Eine Home-Lizenz sollte ausreichen, diese Angabe ist aber ohne Gewähr.

Das installierte Windows hat als Basis eine englische Version und ist mit einem sogenannten Language Experience Pack eingedeutscht worden. Das wurde in dem Moment wichtig, als ich versuchte, das Windows per USB-Stick auf die Version 1803 zu aktualisieren. Die deutsche Version, die ich zuerst installieren wollte, hätte mir fast alles geplättet, wenn ich nicht aufgepasst hätte. Mit der englischen Version lief es dann aber durch, und das Experience Pack wurde auch entsprechend aktualisiert. Man merkt die Eindeutschung auch fast gar nicht, lediglich einige Vorschläge von Cortana für so Dinge wie Systemsteuerungs-Abteilungen tauchen manchmal in englisch auf anstatt in deutsch. Der Grund, weswegen ich das Update über einen USB-Stick durchführte und nicht per Windows Update liegt in den 32 GB des C:-Laufwerks begründet. Windows Update hat schlicht und einfach nicht genug Platz, um das Update durchzuführen.

Laufverhalten

Trotz der schwachen Hardware lief das Gerät bei mir im Test zumeist ganz ordentlich. Wurden die Webseiten aber etwas komplexer, kamen JAWS und der verwendete Browser recht schnell ins Stocken. Dies betraf nicht nur Firefox, sondern auch den Internet Explorer und Microsoft Edge. Gerade so Seiten wie Twitter machen damit wahrlich keinen Spaß.

Auch dauert es ewig, bis Word o. ä. geöffnet werden. Sobald man sich aber in einer App befindet und nicht zu viel verlangt, läuft es zügig. Man sollte jedoch davon absehen, eine Sprachausgabe mit hoher Qualität nutzen zu wollen und sich lieber mit der Eloquence begnügen. Die Verzögerungen zwischen Tastendrücken und der Antwort der Sprachausgabe werden auf Dauer doch eher nervig.

BrailleIn und Bedienung des Geräts

Wer JAWS-Nutzer ist und sich mit BrailleIn vertraut gemacht hat, weil an einem anderen PC diese oder eine andere Focus-Zeile zum Einsatz kommt, ist hier klar im Vorteil. Als langjähriger NVDA-Nutzer habe ich erst einmal einiges lesen und einige Tastenkombinationen verinnerlichen müssen, um die wichtigsten Dinge per Brailletasten erledigen zu können. Selbst so etwas gängiges wie Alt+F4 ist hier erst einmal mit einem Lernfaktor verbunden. BrailleIn gibt es seit JAWS 12 oder 13, und beschreibt eine extensive Bedienung und Texteingabe per Braillezeile. Per Tastenfolgen werden alle möglichen Tastenkombinationen ermöglicht, die sonst nur auf normalen Tastaturen möglich sind. Etwas vergleichbares gibt es bei NVDA im Zusammenspiel mit der Focus nicht. Das einzige, was da ein paar Dinge nachrüstet, ist das Add-On Extended Braille.

Und hier kommen wir auch schon zum ganz großen Problem, nämlich der Texteingabe. Ich weiß nicht warum, aber irgendwie kann das fast keiner im Deutschen gut. JAWS und NVDA verwenden Liblouis, und die Kurzschrifteingabe ist schlicht und einfach nicht zu gebrauchen. Einfache Wörter wie „du“, „Einfuhr“ und im Grunde jedes andere Wort, das Buchstaben enthält, die auch Einleitungs- oder Nachsilben sind, wird bis zur Unkenntlichkeit verunstaltet. Jeder Buchstabe wird immer als Kürzung interpretiert, und man verbringt im Nachhinein Ewigkeiten damit, den Text zu korrigieren. Und in Computer-Braille Text einzugeben ist ebenso eine Zumutung, und ich bekomme nach kurzer Zeit Krämpfe in den Händen wegen der Notwendigkeit, Großbuchstaben mit dem kleinen Finger auf Punkt 7 erzeugen zu müssen.

In der deutschen Version von JAWS gibt es noch ein weiteres Kurzschriftmodul, das sogenannte regelbasierte Modul. Jenes ist standardmäßig allerdings nicht voreingestellt. Wenn man nicht weiß, dass es das gibt, denkt man schnell, dass das in der deutschen Kurzschrift einfach nichts taugt. Man muss zum Einschalten der regelbasierten Übersetzung in die Einstellungsverwaltung gehen und in den Experteneinstellungen die Übersetzungseinheit auf Regelbasiert umstellen. Dann kann man entweder durch die Eingabe von Punkten 1-2-4-5-7 Chord zweimal die Kurzschrift für Eingabe aktivieren, wenn man sich in einem Eingabefeld befindet, oder man stellt die Übersetzung einmal unter Braille/Allgemein ein. Achtung: Erst die Ausgabe von Computer-Braille auf Kurzschrift umstellen, erst dann kann man die Eingabe auch auf Kurzschrift einstellen. Wahlweise kann man hier dann noch das Anzeigen von Großbuchstaben unterdrücken. Das bezieht sich dann aber nur auf die Ausgabe. Wenn man Großbuchstaben schreiben will, muss man sie weiterhin mit den Punkten 4-6 ankündigen. Eine automatische Erkennung für Nomen oder Satzanfänge, bei denen einem diese Arbeit abgenommen würde, gibt es nicht. In einem Schnelltest erwies sich diese Kurzschriftübersetzung als robuster als die von Liblouis, wobei sie anscheinend mit einem nicht mehr ganz aktuellen Regelwerk der deutschen Blindenkurzschrift arbeitet.

Und mit der regelbasierten Übersetzung stellt sich ein weiteres Problem: Sie spricht nur deutsch. Dazu weiter unten noch mehr.

Es ist also nicht so, dass es im Deutschen keine gut funktionierende Alternative gäbe. Die Kurzschriftrückübersetzung von RTFC von Wolfgang Hubert z. B. funktioniert ziemlich bis sehr gut, und das sogar mehrsprachig. Aber anscheinend ist die deutschsprachige Braille-Gemeinde in eine Art erweiterten Winterschlaf gefallen oder so, jedenfalls gibt es, nach dem, was ich so höre, kein Auf-Die-Barrikaden-Gehen gegen diese Zumutung einer Kurzschriftrückübersetzung im teuersten Screen Reader auf dem Markt. Wenigstens die sinnvollere Einstellung der regelbasierten Übersetzung hätte ich im Deutschen schon erwartet und nicht, erst in die Tiefen der Einstellungsverwaltung hinabsteigen zu müssen.

Aber JAWS steht mit dem Problem nicht allein da. Auch die Kurzschrifteingabe in iOS ist grottenschlecht, wie ich Apple seit Jahren begreiflich zu machen versuche. Die nutzen etwas proprietäres, aber mit ähnlichen Kinderkrankheiten. Selbst die Betas von iOS 12 zeigen bisher keine Besserung.

Laut Auskunft von Herrn Jaklin von IPD und auch Aleksander Pavkovic durch einen Kommentar weiter unten steckt RTFC in einigen oder allen Notizgeräten von HIMS, also dem Polaris und den älteren U2-Geräten. Auch nutzt HTCom von Help Tech (früher Handy Tech) für die Kurzschriftübersetzung den Motor von RTFC. Offenbar geht es also, RTFC für Hilfsmittel zu lizensieren. In Anbetracht der Mehrsprachigkeit wäre das im Deutschen für JAWS also grundsätzlich auch eine bessere Alternative.

Mehrsprachigkeit

Ich bin einer von denen, der mehrmals am Tag spontan zwischen dem Schreiben deutscher und englischer Texte umschalten muss. In JAWS ist der Weg dorthin sehr lang, und er funktioniert, wie oben bereits angedeutet, nur mit Liblouis, also der nicht zu gebrauchenden deutschen Kurzschrift. Man muss:

  • Das Einstellungs-Center öffnen.
  • Die Standardkonfiguration laden.
  • „übersetz“ ins Suchfeld eingeben.
  • Die Sprache von deutsch auf englisch oder umgekehrt umschalten.
  • Von Computer-Braille in Kurzschrift umschalten, und zwar Ausgabe zuerst, bevor man auch die Eingabe umschalten kann.
  • Das Dialogfeld schließen.

Klar, das kann man bestimmt irgendwie skripten. Aber seit ich nicht mehr bei Freedom Scientific arbeite, meine Krankheit in 2007 eingerechnet sind das inzwischen 11,5 Jahre, habe ich kein JAWS-Skript mehr angefasst und so ziemlich alles vergessen, so dass ich mir die Mühe nicht gemacht habe. Verkompliziert wird’s eben dadurch, dass man für sinnvolle deutsche Kurzschrift auch das ganze Übersetzungsmodul umschalten muss. Englisch einzugeben funktioniert mit Liblouis jedenfalls wesentlich besser als deutsch. Gerade wenn man Unified English Braille verwendet, klappt es wirklich sehr ordentlich.

Aber für mehrsprachige Benutzer wie mich sollte das ElBraille definitiv eine Schnellumschaltung bereitstellen, die man einmal konfiguriert (Erst- und Zweitsprache) und dann immer schnell umschalten kann. Aber das macht natürlich nur Sinn, wenn, wie in meinem Fall, auch beide Sprachen ordentlich funktionieren würden und diese Umschaltung auch die Umschaltung des ganzen Moduls ermöglichte. Jetzt, wo ich dieses Update schreibe, denke ich, dass dies für JAWS eh eine sinnvolle Erweiterung der Funktionalität wäre, denn die Brailleeingabe funktioniert ja mit jeder Focus-Zeile an jedem PC, nicht nur dem ElBraille.

Fazit

Die Idee des ElBraille an sich ist klasse. Ein kleiner und gar nicht zu schwerer Computer mit einem vollen Windows 10, Office, Skype und was man sonst noch so braucht, ohne störenden Bildschirm und mit einer Batterielaufzeit von vom Hersteller angegebenen bis 20 Stunden sind durchaus sehr attraktiv. Allerdings ist für den Preis die Hardware viel zu schwach. In Deutschland schlägt die Docking Station allein mit etwa 1800€ zu Buche. Dazu kommt die Braillezeile, wenn noch nicht vorhanden, und natürlich eine JAWS-Lizenz. Auf Wunsch kann man natürlich auch NVDA installieren, aber ohne selbst den Funktionsumfang noch erheblich zu erweitern, dürfte das nicht so viel Spaß machen.

Allerdings ist das Killer-Kriterium für mich wirklich die absolut unbrauchbare oder umständliche Eingabemöglichkeit in mehreren Sprachen gewesen, das mich das Gerät gestern hat zurückgeben lassen. So ein Gerät würde für mich wirklich nur Sinn machen, wenn diese grundsätzliche Funktion im Deutschen JAWS funktionieren würde.

In den USA und Kanada tritt Freedom Scientific als Haupthändler für diese Geräte auf. Jonathan Mosen hat dazu sogar eine eigene Episode des FSCast veröffentlicht und wird nicht müde, das ElBraille bei jeder Gelegenheit zu erwähnen. Freedom Scientific steht zumindest im englischen also ziemlich hinter diesem Gerät. Der Rest der Welt kauft direkt bei Elita Group, natürlich über entsprechende Hilfsmittelhändler wie z. B. Die IPD. Wenn Freedom Scientific auch international diese Art mobilen Computings unterstützen würde, müssten sie dafür sorgen, dass in anderen Sprachen die Brailleeingabe auch ordentlich funktioniert. Aber ein großes Interesse scheint hieran anscheinend nicht zu bestehen, sonst wären nicht inzwischen sieben JAWS-Versionen mit diesem Mangel für den deutschsprachigen Raum erschienen. Schade eigentlich.

Disclaimer

Ich habe von 1996 bis 2007 bei Freedom Scientific bzw. deren Vorläufer Omni PC gearbeitet und war stark an den Entwicklungen und Übersetzungen von JAWS 1.22 bis JAWS 8.0 beteiligt. Seit ich dort nicht mehr arbeite, bin ich lediglich zahlender Kunde mit einer Lizenz für meinen Arbeitsplatz und Anwender einer Focus-Braillezeile. BrailleIn und andere hier beschriebene Features entstanden lange nach meiner Zeit bei Freedom Scientific, und meine Kritik ist die eines zahlenden Kunden.


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